Ornament & Crime

Printed Art 2007–2011  ·  Katalog  ·  Berlin 2011 
Deutsch/Englisch · 44 Seiten · Bruno Dorn Verlag · ISBN 978-3-942311-83-0
Mit einer Rezension von Anna Stern

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Ornament und Verbrechen

Das Ornament als Ausschnitt eines Ganzen wird unbewusst ins Endlose gedacht. Verfolgt man diesen Grundgedanken, steht das Ornament auch für die Idee vom unbegrenzten Wachstum, gleichzeitig für das Bemühen, die große Leere und die Angst davor, den »horror vacui«, zu vermeiden.

Dana Widawski zitiert in ihren Arbeiten klassische Ornamente aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen. Sie erweitert und verfremdet diese Strukturen mit zeitgenössischen Abbildungen von Menschen und Gegenständen, die sie schablonenartig, vexierbildhaft und sich wiederholend in den Rhythmus des Ornaments einfügt. Dabei erzeugt die farbliche und formale Komposition aus diesen gegensätzlichen Elementen eine dichte visuelle Einheit, die auf den ersten Blick rein dekorhaft erscheint. Auf den zweiten Blick konterkarieren die Eigenwilligkeit der gewählten Themen und das Zusammenspiel von Ornament und Bild die handwerklich aufwendige Ästhetik des klassischen Schablonendrucks. Es eröffnet sich eine irritierende und zutiefst ironische Ebene, die gesellschaftliche Klischees und Paradoxien aufgreift und in Frage stellt.

Diese Doppelbödigkeit zeichnet auch die jüngst entstandenen Schablonendrucke aus, die sie 2009 in Tokyo   zeigte: Eingebettet in ornamentale Ästhetik stellen sie Selbstmorddarstellungen neben Samuraikriegern und Geishas in bayerischer Tracht dar, ein ironisches Hybrid aus Klischees über Japan und Deutschland. Unter dem Eindruck ihres Japan-Aufenthalts hat sie für die Berliner Folge-Ausstellung einen überdimensionalen Paravent geschaffen, der auf der visuellen Ebene traditionelles und modernes Japan zu vereinen scheint, auf der symbolischen Ebene aber auf den Sprengstoff in dieser Gesellschaft hinweist: Uniforme japanische ‚Businessmen‘ gehen hier ihrem liebsten Mittagspausen-Vergnügen nach, dem Nintendo-Spiel, vor einem Hintergrund aus traditionellen Kimonomustern, in denen wiederholt drei Pokemon-Figuren auftauchen. Die Charaktere auf den Karten dieses weltweit erfolgreichsten „Kinderspiels“ made in Japan entspringen einer Fantasy-Welt, die sich willkürlich aus asiatischen Mythen bedient. Die drei von Dana Widawski ausgewählten stehen für zerstörerische Kräfte, die – einmal entfesselt – die ganze Welt vernichten können, ein Sinnbild für die globale Krise der Idee vom unbegrenzten Wachstum, die inzwischen alle postmodernen Konsum-Gesellschaften westlichen Stils erreicht hat.

Anna Stern
Münster 2011