Tribute to Beethoven · 2020

Figures de Décoration Nr. 8 · 6 teilig, je 10,5 x 30,0 x 10,5 cm
Skulpturengruppe zum Beethoven-Jahr 2020

industriell gefertigte Porzellanbüsten: appliziert mit Keramik-Augenbalken und bemalt mit Porzellan-Kaltfarben, vergoldet mit 24 Karat Blattgold,
Keramikkonsolen mit Drehorgel (jeweils die gleiche Melodie: »Für Elise« von Ludwig van Beethoven)

 

ELISE, SHUT UP!
Ein Videoprojekt von Dana Widawski
mit einer Komposition von  Link:internAndreas F. Staffel
zum Beethovenjahr 2020 

Ein Pianist und Hände an sechs Mini-Drehorgeln mit Beethovens -bis zum Überdruss kopierter- Melodie ‚Für Elise‘ liefern sich ein Duell. Die Drehorgeln stecken in Konsolen, die jeweils anonymisierte Büsten berühmter Komponisten tragen. Beethoven selbst lässt sich in diesem Ensemble nur hören. In 6 Variationen wird seine verkommerzialisierte Bagatelle analog und digital liebevoll gestreichelt, verdreht, zerhackt und ganz sanft zu Grabe getragen. Das Videoprojekt ‚Elise, shut up!‘ ist ein Dialog zwischen Dana Widawskis klingenden Skulpturen und Andreas F. Staffels Komposition der sich sehen und hören lassen kann.

Standbild aus dem Video »ELISE, SHUT UP!« 
Bitte schicken sie mir eine eMail, wenn sie sich das Video ansehen möchten.
 (Video: HD · 9:15 Minuten)

Dana Widawski: Künstlerische Leitung, Konzept, Kamera, Ton 
 Link:internAndreas F. Staffel: Komposition und Piano-Einspielung, Ton 
Anja Widawski: Live-Einspielung der Spieluhren 
Frank Bertram: Kamera, Videoschnitt



ZUM PROJEKT »ELISE, SHUT UP!«

Angehende Klavier-Virtuosen kommen  –zur Freude der Eltern–  an Beethovens Bagatelle ›Für Elise‹ nicht vorbei, egal ob sie nun eine digitale Smartphone-App oder einen analog unterrichtenden Klavierlehrer bevorzugen. Ebenso beliebt sind die Anfangsakkorde als Telefon-Warteschleife, besonders apart erklingen sie auf Baustellen aus Akkuladegeräten, in Konkurrenz zu den ›besten Hits aller Zeiten‹ aus dem Radio. Etwas angenehmere Variationen sind in Pop- und Rocksongs zu finden oder in Soundtracks nicht weniger Filme, beispielsweise von Billy Wilder, Visconti und Tarantino.

Die gemafreie Nutzung macht es möglich und ist sicherlich ein Grund für ihre populäre Verbreitung. Ein weiterer, nicht unerheblicher, liegt in der Melodie selbst, denn ›Für Elise‹ ist so perfekt in Harmonie und Schönheit arrangiert, dass selbst eine nach Algorithmen komponierende Software vor Neid erblasst. Der eingängige Anfang der Komposition bedient lizenzfrei die Sehnsucht nach Melancholie und ist zur Volksmelodie ohne Angabe des Urhebers mutiert.

Die Frage nach der Urheberschaft der Melodie wird von Dana Widawski mit ihren Drehorgel-Skulpturen  ›Tribute to Beethoven‹  –selbst im Beethovenjahr 2020–  ignoriert. Sechs Porzellan-Büsten unterschiedlicher Komponisten stehen auf fein gearbeiteten Keramikkonsolen, keine davon gleicht Beethoven. Mit einem Balken vor den Augen und dem Schriftzug ›incognito‹ versehen, bleiben die Herren anonym. Die in den Konsolen eingebauten Drehorgeln spielen –alle– ›Für Elise‹. Um die Verselbständigung der Melodie noch weiter auf die Spitze zu treiben, beauftragte die Berliner Künstlerin den Komponisten und Pianisten Andreas F. Staffel mit einer Komposition für ihre sechs Mini-Drehorgeln und ein Piano. Aus der Fusion von Musik und Skulptur entstand ein eigenständiges Videokunstwerk mit dem Titel ›Elise, shut up!‹

Staffels Komposition lässt Piano und Spieluhren in sechs Variationen gegeneinander antreten. Wirkt dies anfangs noch dialogisch, steigert sich der Konflikt zu einem Akt der Gewalt ... Halts Maul! Stille. Dem erneuten Aufbegehren folgt ein Abgesang. Spiel mir das Lied vom Tod. Am Ende wird die Melodie in einem Decrescendo-Kanon zu Grabe getragen bis hin zur absoluten Auflösung in ihre Einzelteile.

Widawski setzt die Komposition visuell auf minimalistische Weise um. Auch im Bild sind die Fronten klar definiert. Im unteren Drittel der Projektionsfläche ist eine Pianoklaviatur von oben zu sehen, darüber zwei Reihen mit jeweils drei Büsten mit ihren Konsolen. Der Komposition folgend, werden die Drehorgeln von weiß behandschuhten Händen gespielt und sind als eigene Stimmen hör- und sichtbar, während zugleich die Hände des Pianisten den Klavierpart absolvieren. Zusätzlich kommen Sounds digital manipulierter Drehorgeln zum Einsatz, die jedoch im Video wie analog eingespielt wirken. Die visuelle und akustische Vermischung der unterschiedlichen Klangebenen erzeugt eine Irritation, bei der nicht mehr eindeutig nachvollziehbar wird, aus welcher Quelle die Melodie jeweils gespeist wird.

Der Nachklang geht über das Schweigen der ›Elise‹ hinaus, denn Widawskis und Staffels Fusion ihrer Künste könnte weitere Projekte nach sich ziehen.